Einleitung

Wenn man die Frage beantworten möchte, was eine gute Beleuchtung ausmacht, muss man schon weit in die Menschheitsgeschichte zurückblicken.

Der Mensch hat sich in mehreren Millionen Jahren zu einem Tageslichtwesen entwickelt. Die Wahrnehmungen des Menschen, wie das Erkennen von Formen, Farben, Räumen und Bewegungen, von Zeit und Helligkeit usw. sind während dieses Entwicklungsprozesses erlernte Fähigkeiten.

Der starke Wechsel der Beleuchtungsstärke von über 100.000 lx an hellen Sonnentagen und 0,3 lx bei Mondschein wird genauso natürlich angesehen, wie eine eher trist wirkende gleichförmige Beleuchtung bei bedecktem oder regnerischem Himmel und die starken Schatten und Hell-Dunkel-Zonen bei intensiver Sonneneinstrahlung. Die kurzfristige und häufige Änderung des Beleuchtungsniveaus und der Lichtfarbe durch vorbeiziehende Wolken und der Wechsel von der warmen Lichtfarbe des Morgenrots über das blaue Licht des Mittagshimmels bis zum Abendrot sind gewohnte und akzeptierte Lichtstimmungen.

Der Tageslichtverlauf versetzt den Menschen in den Abendstunden in eine Erholungsphase, die durch Ruhebedürfnis und Ausgleich gekennzeichnet ist, und am Tage in eine ergotrope Phase, in der Leistungsbereitschaft im Vordergrund steht. Diese innere Uhr (Circadianes System), die seit einigen Jahren Forschungsziel der Chronobiologie ist (siehe auch Kapitel 1.3.3, „Licht und Gesundheit“), bestimmt unsere Erwartungshaltung an die visuelle Umgebung und liefert den Maßstab zu deren Beurteilung. Nach heutigen Erkenntnissen sollten die „Büromenschen“ täglich über 3 bis 4 Stunden einer sonnenähnlichen Strahlung von 2.000 lx bis 3.000 lx ausgesetzt sein, damit das Hormon- und Immunsystem ausreichend arbeiten kann. Durch tagesbelichtete Räume und Aufenthalt im Freien, z. B. während der Arbeitspausen, ist das realisierbar.

Mit dem Wandel zur Industriegesellschaft lebt der Mensch überwiegend in der bebauten Umwelt – und wie die Chronobiologen sagen – in der biologischen Dunkelheit. Als Folge davon haben sich Technik und Wissenschaft auf die Erforschung der elementaren Lebensbedürfnisse des Menschen in Gebäuden konzentriert. Die physiologischen Vorgänge des Sehens, die physikalische Beschreibung des Phänomens Licht und dessen Messung, vor allem aber die Entwicklung leistungsstarker, künstlicher Lichtquellen bestimmen das Zeitalter der elektrischen Beleuchtung seit mehr als 100 Jahren. In den 1960er Jahren war man sogar der Meinung, dass die künstliche Beleuchtung von Arbeitsstätten besser als die Beleuchtung mit Tageslicht sei, z. B. weil man sie über 24 Stunden konstant halten könnte. Fensterlose Schulen und Großraumbüros, deren Innenbereiche dauernd künstlich beleuchtet und klimatisiert werden mussten, waren Ausdruck einer Gigantomanie der Hochbauarchitektur. Ein Slogan aus jener Zeit „Licht macht die Nacht zum Tag“ drückte die scheinbare Unabhängigkeit vom Tageslicht und der rundum voll konditionierten Arbeitsumgebung von der natürlichen Lebensweise der Menschen aus.

Nachdem die Physiologie des Sehens und die für eine gute Sehleistung erforderlichen Leuchtdichteniveaus sowie die wichtigsten psychologischen Wirkungen des Lichtes, wie z. B. Blendung, weitestgehend erforscht waren, wurden daraus planbare und berechenbare Anforderungen an die Beleuchtung definiert, die in Richtlinien und Normen festgelegt wurden. Diese Anforderungen sind parallel zu den Entwicklungen der Lampen- und Leuchtentechnologie stetig an den jeweiligen Stand der Technik und das wirtschaftlich Machbare angepasst worden. Heute haben wir Beleuchtungsmittel zur Hand, die hinsichtlich der Realisierung bester visueller Sehbedingungen kaum noch Wünsche offen lassen.

Und trotzdem: Untersuchungen haben gezeigt, dass Beleuchtungsanlagen, die nach allen genormten Gütemerkmalen der Beleuchtung ausgestattet sind, nicht immer die besten Akzeptanznoten bekommen. Normgerechte Beleuchtungsanlagen sind nicht immer eine Garantie für gute Beleuchtung, wie Nutzer-Befragungen ergeben haben.

Damit stellt sich die Frage nach der eigentlichen Qualität der Beleuchtung unter dem Kriterium Akzeptanz von Raum und Beleuchtung. Eine wichtige Größe dabei ist die individuell empfundene Interaktion, also die wahrnehmungspsychologische Kommunikation zwischen Mensch und Raum.

Abbildung 1.1: Erwartungen des Nutzers im Hinblick auf hohe Akzeptanz von Raum und Licht

Die Wahrnehmungspsychologie lehrt uns, dass die lichttechnischen Größen der physikalisch und physiologischorientierten Lichttechnik – ohne Bezug auf das Empfinden der Menschen zum Raum, zu dessen Zweckbestimmung und Ausstattung – das Wohlbefinden nur unvollständig beschreiben. Eine nur auf die Sehaufgabe konzentrierte Beleuchtungsplanung reduziert den erforderlichen Bewertungsmaßstab auf physikalische, physiologische, aber nur in geringem Maße auch auf psychologische Größen.

Persönlichkeitsmerkmale, Erwartungshaltung, auch kulturelle Hintergründe, Zeitgeist (Mode), Seherfahrungen und Gedächtnisinhalte der Menschen spielen bei der Akzeptanzbeurteilung eine wichtige Rolle. Akzeptanz in diesem Zusammenhang ist die emotionelle Bewertung der Eigenschaften eines Raumes, einschließlich seiner Personen, der Beleuchtung, Akustik, Ausstattung und Gestaltung. Dabei spielt die visuelle Empfindung eine vorrangige Rolle.